Humorlose KI: Warum können ChatGPT, Claude & Co keine Witze erzählen?

von Maximilian Wüstenkamp

6. Februar 2026

Stell dir vor, du bittest einen Freund auf einer Party, einen Witz zu erzählen und er antwortet dir mit: „Warum können Skelette keine Partys feiern? Weil sie keinen Körper haben, der mitkommt!“ Das ist ungefähr das, was passiert, wenn du ChatGPT oder Claude nach einem Witz fragst. Eine Studie aus dem Jahr 2023 hat gezeigt, dass über 90 Prozent der angeblich „originellen“ Witze, die ChatGPT auf 1.008 Anfragen produziert hat, immer wieder dieselben 25 Jokes waren. Humor scheint für KI-Systeme ein grundsätzlich unlösbares Problem zu sein und die Gründe dafür sind tiefer, als du vielleicht vermuten würdest.

Infos auf einen Blick

  • Muster statt Pointe: KI-Modelle erkennen die Struktur von Witzen, verstehen aber nicht, warum etwas tatsächlich lustig ist und liefern dir deshalb vorhersehbare Ergebnisse.
  • Tabus sind Fremdwörter: Guter Humor bricht gesellschaftliche Normen, aber KI ist darauf trainiert, genau das zu vermeiden, weshalb du keine wirklich subversiven Witze von ihr bekommst.
  • Forscher sind skeptisch: In einer Studie der Cornell University haben KI-Modelle beim Verstehen von Cartoon-Humor nur 62 Prozent Trefferquote erreicht, während Menschen auf 94 Prozent kamen.

Humor ist kein Textmuster, sondern ein soziales Phänomen

Wenn du einen Witz erzählst, passiert im Bruchteil einer Sekunde unglaublich viel: Du liest die Stimmung im Raum, du kalibrierst Timing und Lautstärke, du nutzt gemeinsame Erinnerungen und kulturelle Referenzen und du weißt instinktiv, wie nah du an einer Grenze sein darfst, ohne sie zu überschreiten. ChatGPT macht keines davon. Es analysiert statistische Muster in Text und gibt aus, was in ähnlichen Kontexten am häufigsten aufgetaucht ist.

Das klingt nach einer technischen Einschränkung. In Wirklichkeit ist es eine fundamentale. Humor ist nach Ansicht vieler Kognitionswissenschaftler „KI-vollständig“, was bedeutet, dass ein System, das Witze wirklich versteht, im Grunde menschliche Intelligenz in ihrer Gesamtheit beherrschen müsste.

Keine Kindheitstraumen, keine Pointen

Das Schild, das ein WGA-Streikender während des Hollywood-Autorenstreiks 2023 hochhielt, trifft es besser als jede Forschungsarbeit: „ChatGPT hat kein Kindheitstrauma.“ Humor entsteht aus gelebter Erfahrung, aus Scham, Verlust, Peinlichkeit und dem kollektiven Wissen darüber, wie Dinge schiefgehen. KI hat nichts davon.

Forscher sprechen dabei von „Theory of Mind“, der Fähigkeit, sich in den mentalen Zustand anderer Menschen hineinzuversetzen. Tony Veale von der University College Dublin erklärt, dass echte Komik genau das voraussetzt: du musst wissen, was dein Gegenüber erwartet, um diese Erwartung brechen zu können. Sprachmodelle verfügen über kein echtes Modell davon, was in einem anderen Kopf vorgeht.

Was KI beim Humor fehlt:

  • Gelebte Erfahrung: KI hat kein emotionales Reservoir, aus dem sie schöpfen kann, während gute Comedy fast immer auf echten Erlebnissen basiert.
  • Spontanes Timing: Der gleiche Witz zur falschen Zeit ist kein Witz mehr, aber KI hat keinen Zugang zum Kontext eines Gesprächsmoments.
  • Kulturelle Präzision: Humor funktioniert im Millimeterbereich, ein falsches Wort, eine abweichende Betonung und die Pointe verpufft.
  • Normenverständnis: Komik lebt davon, Regeln zu brechen. Wer nicht weiß, welche Regeln gelten, kann sie auch nicht brechen.

Der Sicherheitsfilter tötet den Witz

Ein Comedian, der an einer Google-DeepMind-Studie beim Edinburgh Festival Fringe 2023 teilnahm, brachte das Problem auf den Punkt: Er bat das KI-System um dunkleres Material, das zu seinem Stil passt und das Modell lehnte ab, weil es glaubte, der Comedian beabsichtige, sich selbst zu schaden. Das ist kein Einzelfall.

KI-Modelle sind darauf optimiert, Schaden zu vermeiden. Das ist grundsätzlich sinnvoll, macht sie als Humoristen aber unbrauchbar. Guy Hoffman, Informatikprofessor an der Cornell University, formuliert es direkt: KI sei eine „konservative Technologie“, die Tabus schlicht nicht versteht und sie deshalb auch nicht brechen kann. Gute Comedy braucht aber genau das. Sie nähert sich Grenzen an, sie testet sie, manchmal überschreitet sie sie bewusst. Wer das nicht tut, erzählt Kalenderwitze.

Warum du selbst den Unterschied sofort spürst

Schau dir die Ergebnisse der New Yorker Cartoon Caption Contest-Studie an: Menschen wählten bei der Aufgabe, die passende Bildunterschrift zu einem Cartoon zu finden, in 94 Prozent der Fälle die richtige Antwort. KI-Modelle kamen auf 62 Prozent. Wenn die KI-generierten Erklärungen, warum etwas witzig ist, mit menschlichen Erklärungen verglichen wurden, bevorzugten Versuchspersonen die menschlichen im Verhältnis zwei zu eins.

Das liegt nicht daran, dass KI schlecht mit Sprache umgeht. Sie ist ausgezeichnet darin, Bedeutungen zu verknüpfen. Das Problem ist, dass Humor nicht nur Bedeutung transportiert, sondern Bedeutung auf eine bestimmte Art bricht, verschiebt oder auf den Kopf stellt. Forscher nennen das „Frame-Shifting“, also das blitzschnelle Wechseln zwischen zwei Deutungsrahmen. Für Sprachmodelle, die auf Wahrscheinlichkeitsverteilungen über Token arbeiten, ist genau dieser Moment des Bruchs das Schwierigste von allem.

Mediokres Handwerk statt Komik

Was KI tatsächlich kann, ist das Produzieren von Texten, die die Form eines Witzes haben: Setup, Überraschung, Pointe. Das reicht manchmal aus, um ein müdes Lächeln zu erzeugen. Profis aus der Comedyszene, die in der Google-DeepMind-Studie mitgearbeitet haben, nannten die KI-Ergebnisse übereinstimmend „das Langweiligste und Nichtssagendste“, was sie je gesehen hatten.

In der Praxis heißt das: KI kann dir beim Brainstorming helfen, sie kann dir Witze zu einem bestimmten Thema aufzählen, auf die du dann aufbauen kannst. Aber das fertige Stück, das einen Saal zum Lachen bringt, kommt nicht aus einem Sprachmodell. Nicht heute und nach Einschätzung vieler Forscher in absehbarer Zeit auch nicht.

Was KI mit Humor machen kann:

  • Vorlagen generieren: KI liefert dir grobe Strukturen, die du dann mit eigenem Erleben und Timing füllst.
  • Wortspiele finden: Bei rein sprachlichen Rätseln und Doppeldeutigkeiten schlägt sich KI ordentlich.
  • Richtungen vorschlagen: Du kannst KI nutzen, um thematische Richtungen für Comedy-Writing zu erkunden, ähnlich wie ein Thesaurus.

Fazit: Solange KI kein Leben hat, hat sie auch keinen Humor

Die Frage ist nicht, ob KI eines Tages lustigere Texte schreiben kann als heute. Das wird sie. Die eigentliche Frage ist, ob das jemals echter Humor sein wird oder nur eine immer besser kalibrierte Imitation davon. Wer selbst einmal auf einer Bühne gestanden hat, wer einen Rückschlag erlebt hat, wer das Schweigen nach einem missglückten Witz kennt, der weiß, woraus Comedy gemacht ist. Kann ein System, das nichts davon kennt, dich zum Lachen bringen, oder bist du dann nur noch höflich?

Maximilian Wüstenkamp

Maximilian beschäftigt sich seit dem Launch von ChatGPT im Jahr 2022 intensiv mit KI und weiß seitdem, dass es noch weitaus mehr gibt als nur generative LLMs.