Grokipedia vs. Wikipedia: 5 Gründe, warum der Wiki-Klon von Elon Musk keine gute Quelle ist!

von Maximilian Wüstenkamp

16. Februar 2026

Elon Musk hat mithilfe seines KI-Modells Grok eine neue Enzyklopädie ins Netz gestellt und sie gleich als die Wahrheit schlechthin angepriesen: „The truth, the whole truth and nothing but the truth.“ Was klingt wie ein Schwur vor Gericht, ist in Wirklichkeit ein KI-generiertes Lexikon namens Grokipedia, das am 27. Oktober 2025 live ging und wenige Stunden später wegen Überlastung abstürzte. Bevor du Grokipedia als Quelle nutzt, solltest du wissen, womit du es hier wirklich zu tun hast.

Infos auf einen Blick

  • Größe: Wikipedia umfasst über 7,1 Millionen Artikel auf Englisch, während Grokipedia mit 885.279 Artikeln gestartet ist und damit gerade einmal rund 12 Prozent des Umfangs erreicht.
  • Hintergrund: Grokipedia ist ein kommerzielles Projekt von Elon Musks KI-Unternehmen xAI und wird nicht von einer gemeinnützigen Organisation betrieben, wie es bei der Wikimedia Foundation der Fall ist.
  • Quellenbasis: Viele Grokipedia-Artikel tragen den Hinweis, dass ihr Inhalt aus Wikipedia übernommen wurde, obwohl Musk Wikipedia öffentlich als „Propaganda“ bezeichnet.

#1: Grokipedia hat Wikipedia kopiert und nennt es trotzdem Propaganda

Das ist die Ausgangslage, die du dir auf der Zunge zergehen lassen solltest: Musk bezeichnet Wikipedia seit Jahren als „Wokepedia“ und „Propagandamaschine“. Gleichzeitig hat sein Team Grokipedia mit eben diesem Wikipedia-Inhalt befüllt. Viele Artikel tragen am Ende den Hinweis „The content is adapted from Wikipedia, licensed under Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 License.“ In einigen Fällen sind Grokipedia-Artikel wortwörtlich mit den entsprechenden Wikipedia-Einträgen identisch.

Beispiel: Der Artikel zum Wort „Monday“ etwa war beim Start eine 1:1-Kopie des Wikipedia-Eintrags. Wenn eine Quelle, die du angeblich für unzuverlässig hältst, gleichzeitig die Grundlage deines eigenen Produkts bildet, stimmt etwas an der Argumentation nicht.

#2: Die KI erfindet Inhalte und lässt Quellen weg

Grokipedia lässt Grok nicht nur Artikel zusammenfassen, sondern auch verändern. Das Ergebnis ist problematisch. Eine Untersuchung durch das Faktencheckportal PolitiFact hat ergeben, dass Grokipedia dort, wo es von Wikipedia abweicht, häufig irreführende oder meinungsgetriebene Behauptungen einschleust.

Hinzu kommen weitere Probleme:

  • Fehlende Belege: Grokipedia übernimmt in einigen Fällen Wikipedia-Texte, lässt dabei aber die Quellenangaben und Referenzlisten am Ende der Artikel weg. Du bekommst also eine Aussage ohne die Möglichkeit, sie nachzuvollziehen.
  • Halluzinationen: Große Sprachmodelle wie Grok arbeiten statistisch, nicht faktisch. Sie sagen das wahrscheinlichste nächste Wort voraus, kein überprüftes Faktum. Der Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales hat das offen angesprochen und erklärt, dass es bei einem KI-generierten Lexikon „eine Menge Fehler geben wird.“
  • Fehlende Transparenz: Bei Wikipedia kannst du jeden Edit nachverfolgen, jeden Diskussionsverlauf einsehen und Belege direkt prüfen. Bei Grokipedia gibt es keinen vergleichbaren offenen Prozess.

#3: Grokipedia lässt weg, was Musk nicht passt

Dieser Punkt ist der härteste, weil er sich direkt belegen lässt. Der Grokipedia-Artikel über Elon Musk enthält keine einzige Erwähnung der Geste, die er im Januar 2025 auf einer Bühne gemacht hat und die Historiker und Politiker als Anlehnung an einen Hitlergruß beschrieben haben. Der Wikipedia-Eintrag zu Musk widmet dem Thema mehrere Absätze.

Das ist kein Zufall und kein Versehen, sondern ein Muster. Berichte über Musks Verbindung zur Entstehung eines Datenzentrum-Projekts in Memphis, das mit Giftmüll in Verbindung gebracht wurde, fehlen ebenfalls. Eine Enzyklopädie, die peinliche Informationen über ihren Eigentümer einfach weglässt, ist kein Nachschlagewerk. Sie ist Reputationsmanagement.

#4: Der politische Filter sitzt tief in den Texten

Grokipedia ist nicht nur bei Musk-Themen auffällig. Das Technologiemagazin The Verge hat sich eine Reihe von Artikeln angesehen und dabei festgestellt, dass Grokipedia den wissenschaftlichen Konsens zum Klimawandel abschwächt, Impfskepsis Raum gibt, Chelsea Manning mit ihrem Geburtsnamen anspricht und George Floyd in erster Linie über sein Vorstrafenregister definiert. Das sind keine redaktionellen Fehler, die passieren können, sondenr konsistente editoriale Entscheidungen.

KI-Forscher beschreiben diesen Effekt als „Illusion des Konsenses“: Ein Sprachmodell klingt sachlich und ausgewogen, während es in Wirklichkeit bestimmte Sichtweisen glättet und andere marginalisiert. Weil der Ton dabei professionell bleibt, fällt der Filter vielen Lesern gar nicht auf.

#5: Hinter Grokipedia steckt ein kommerzielles Interesse

Wikipedia wird von der gemeinnützigen Wikimedia Foundation betrieben. Hunderttausende freiwillige Autoren weltweit schreiben und überarbeiten Artikel, motiviert durch das Ziel, Wissen zugänglich zu machen. Das System hat Schwächen, aber die Anreize sind grundsätzlich im Sinne der Leser ausgerichtet.

Grokipedia ist ein Produkt von xAI, einem kommerziellen Unternehmen. Was das bedeutet, kannst du an einem anderen Musk-Projekt ablesen: Als X (früher Twitter) die blauen Häkchen zu einem käuflichen Produkt machte, wurde Glaubwürdigkeit zur Ware. Wenn Wissen nach denselben Logiken vermarktet wird, verändert sich, was sichtbar ist und was nicht. Das ist kein hypothetisches Szenario, sondern eine nachvollziehbare Konsequenz aus dem Geschäftsmodell.

Dazu kommt, dass Wikipedia in rund 70 Prozent der KI-Suchergebnisse als Quelle auftaucht und bei den meisten Google-Suchanfragen zu Personen oder Themen ganz oben steht. Wer diese Sichtbarkeit mit einer eigenen Plattform bricht, hat ein starkes Interesse daran, die eigene Plattform zum Standard zu machen.

Fazit: Wer Grokipedia als neutrale Quelle behandelt, agiert fahrlässig!

Eine Enzyklopädie, die ihren Eigentümer schützt, politische Filter in KI-Texte einbaut und gleichzeitig aus dem Werk schöpft, das sie ersetzen will, ist keine Alternative zu Wikipedia. Sie ist ein gut verpacktes Argument.

Das bedeutet nicht, dass Wikipedia perfekt ist. Aber ein bekanntes, offen dokumentiertes System mit millionenfacher menschlicher Beteiligung ist einer Version 0.1 vorzuziehen, die nicht einmal sagt, wer ihre Artikel wirklich schreibt.

Maximilian Wüstenkamp

Maximilian beschäftigt sich seit dem Launch von ChatGPT im Jahr 2022 intensiv mit KI und weiß seitdem, dass es noch weitaus mehr gibt als nur generative LLMs.