Bewerbung mit KI schreiben: Clever oder dreist?

von Maximilian Wüstenkamp

Februar 2, 2026

Es ist 23 Uhr, du findest auf LinkedIn deinen Traumjob und die Angst, sich zu spät darauf zu bewerben, hat dich erwischt. Aber um diese nachtschlafende Uhrzeit ist ein aufs leere Blatt getextete Anschreiben undenkbar. Also öffnest du ChatGPT, wirfst ein paar Infos rein und zwei Minuten später liegt ein ordentlicher Text auf dem Bildschirm. Ist es unethisch, diesen Text als Bewerbung abzugeben oder einfach nur clever?

Immer mehr Menschen schreiben Bewerbungen mit KI

Diese Frage beschäftigt gerade sehr viele Menschen, egal ob sie gerade ihren ersten Job suchen oder nach zehn Jahren Berufserfahrung wechseln wollen. Sie taucht in Gesprächen auf, in Foren, in Kommentarspalten, und meistens polarisiert sie. Die einen finden es selbstverständlich, die anderen halten es für eine Form von Täuschung.

Das liegt daran, dass es keine einfache Antwort gibt. Die Frage nach Fairness beim Bewerben ist nicht neu, schließlich haben Menschen schon immer Freunde um Feedback gebeten, Musteranschreiben studiert oder sich von Karriereberatern helfen lassen. KI ist im Grunde dasselbe, nur schneller und zugänglicher für alle. Wer das pauschal verurteilt, sollte sich fragen, wo er die Grenze zieht.

Was sich aber verändert hat, ist das Ausmaß. Wenn plötzlich Millionen von Bewerbungen mit denselben Tools geschrieben werden, verändert das den gesamten Prozess. Recruiter merken es, Unternehmen reagieren darauf, und auch Bewerber selbst spüren, dass etwas nicht mehr ganz stimmt, wenn der eigene Text sich nicht mehr nach ihnen anfühlt. Das Werkzeug ist dasselbe, aber die Wirkung hat sich verschoben.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob man KI benutzt, sondern wie man sie benutzt. Wer das versteht, hat einen echten Vorteil gegenüber den vielen, die einfach Copy & Paste machen und sich wundern, warum keine Antwort kommt. Der Unterschied liegt im Umgang mit dem Tool, nicht im Tool selbst.

Das Problem mit KI-generierten Bewerbungen

Wenn du ChatGPT sagst „Schreib mir ein Anschreiben für diese Stelle“, bekommst du einen Text, der auf tausend andere Bewerbungen genauso passen würde. Korrekt, ordentlich und vollkommen austauschbar. Das ist kein Fehler der KI, sondern liegt in der Natur der Aufgabe: Ein Sprachmodell optimiert auf Wahrscheinlichkeit, nicht auf Persönlichkeit. Es liefert das, was am häufigsten funktioniert hat, nicht das, was dich ausmacht.

Das Ergebnis sind Texte, die sich alle gleich anfühlen. Dieselben Formulierungen, dieselbe Struktur, dieselbe hohle Begeisterung für dynamische Teams und spannende Herausforderungen tauchen immer wieder auf. Wer viele Bewerbungen liest, kennt dieses Gefühl inzwischen gut, auch wenn er es nicht immer benennen kann. Es ist dieses leise Gefühl, dass da zwar alles stimmt, aber niemand zu Hause ist.

Das eigentliche Problem entsteht also nicht durch den Einsatz von KI, sondern in dem Moment, wo die KI anfängt, du zu sein. Wenn der Text keine echten Erfahrungen enthält, keine echte Motivation und keine Stimme, die wiedererkennbar ist, dann ist die Bewerbung zwar fehlerfrei, aber sie sagt nichts aus. Sie beantwortet alle Fragen, ohne dabei irgendetwas zu verraten. Recruiter spüren das, auch wenn sie es oft nicht explizit benennen können.

Was Recruiter heute wirklich sehen

In HR-Kreisen ist das Thema längst angekommen. Viele Personalverantwortliche berichten, dass die Zahl der eingehenden Bewerbungen in den letzten Monaten deutlich gestiegen ist, die Qualität aber nicht mitgewachsen ist. Die Texte sind besser formatiert und fehlerfreier als früher, wirken dabei aber seltsam glatt und beliebig. Das macht die Arbeit für Recruiter nicht leichter, sondern in vielerlei Hinsicht schwerer.

Was dabei besonders auffällt, ist die Diskrepanz zwischen Bewerbung und Gespräch. Wenn im Anschreiben steht, jemand brenne für das Unternehmen und seine Mission, und im Gespräch rauskommt, dass die Person die Website kaum kennt und keine eigene Meinung zum Produkt hat, dann entsteht ein Vertrauensproblem, das sich nur schwer wieder auflösen lässt. Der erste Eindruck war ein fremder Text, und das bleibt im Hinterkopf.

Viele Recruiter haben inzwischen aufgehört, aktiv nach KI-Texten zu suchen, weil es schlicht zu viele sind. Stattdessen verlagert sich die eigentliche Beurteilung immer stärker ins Gespräch selbst, auf spontane Reaktionen und die Fähigkeit, die eigene Bewerbung zu erklären und zu verteidigen. Der Anschreiben-Text wird dadurch fast zur Eintrittskarte, nicht mehr zum Auswahlkriterium.

Das bedeutet aber nicht, dass die Bewerbung egal ist. Sie ist immer noch der erste Eindruck, der darüber entscheidet, ob man überhaupt zum Gespräch eingeladen wird. Die Messlatte hat sich nur verschoben: weg vom perfekten Text, hin zur erkennbaren Persönlichkeit dahinter. Wer beides hinbekommt, hat gewonnen.

So setzt du KI beim Bewerben sinnvoll ein

Der wichtigste Grundsatz beim Einsatz von KI in der Bewerbung ist einfach: erst du, dann die KI. Schreib zuerst selbst, auch wenn es holprig klingt und die Sätze noch nicht rund sind. Dieser erste Entwurf enthält deine Stimme, deine echten Gründe und deine konkreten Erfahrungen, und genau das ist der Rohstoff, den KI dann veredeln kann. Wer diesen Schritt überspringt, bekommt einen sauberen Text ohne Fundament.

Gib der KI dabei so viele echte Informationen wie möglich. Was hast du in diesem Job wirklich gelernt? Warum interessiert dich genau dieses Unternehmen und nicht ein anderes in derselben Branche? Was war ein konkretes Projekt, das zu der ausgeschriebenen Stelle passt? Je mehr du reinpackst, desto weniger generisch wird das Ergebnis, und desto mehr klingt der finale Text tatsächlich nach dir.

Ein einfacher Test am Ende hilft enorm: Lies den finalen Text laut vor und frag dich, ob du das wirklich so sagen würdest. Klingt es nach dir? Würdest du diese Formulierung in einem Gespräch benutzen? Wenn nicht, ist noch Arbeit nötig. Die erste und letzte Zeile des Anschreibens solltest du immer selbst schreiben, denn das sind die Momente, die hängen bleiben.

Am wichtigsten ist aber dieser Gedanke: Im Vorstellungsgespräch musst du für jeden Satz geradestehen können, der in deiner Bewerbung steht. Was dort steht, bist du. Wenn KI etwas hineingeschrieben hat, das du nicht wirklich vertreten oder erklären kannst, dann gehört es schlicht nicht rein.

Fazit: Wann KI beim Bewerben funktioniert und wann nicht

KI für Bewerbungen zu nutzen ist weder faul noch unehrlich, solange dabei nicht das auf der Strecke bleibt, was dich auszeichnet. KI ist ein Werkzeug wie ein Rechtschreibprogramm, nur deutlich mächtiger und mit mehr Verantwortung im Umgang. Die Technologie ist da, sie ist zugänglich, und sie zu ignorieren wäre ungefähr so sinnvoll wie darauf zu verzichten, den eigenen Text nochmal Korrektur zu lesen. Der Fehler liegt nicht in der Nutzung an sich, sondern in der gedankenlosen Überbeanspruchung.

Dreist wird es, wenn der Text am Ende nichts mehr mit dir zu tun hat. Wenn du dich hinter der KI versteckst statt sie zu nutzen und wenn die Bewerbung wie eine Vorlage klingt, weil sie im Grunde eine ist, wird das früher oder später auffallen. Spätestens im Gespräch merkt jemand, dass der Mensch und der Text nicht zusammenpassen.

Clever wird es, wenn KI dir hilft, das auf den Punkt zu bringen, was du eigentlich sagen wolltest, aber alleine nicht so klar rübergebracht hättest. Wenn sie aus einem holprigen Entwurf einen lesbaren Text macht, ohne dabei deine Stimme zu ersetzen, dann erfüllt sie genau den Zweck, für den sie sinnvoll ist. Das Ergebnis ist besser als das, was du alleine geschafft hättest, aber es stammt immer noch erkennbar von dir.

Maximilian Wüstenkamp

Maximilian beschäftigt sich seit dem Launch von ChatGPT im Jahr 2022 intensiv mit KI und weiß seitdem, dass es noch weitaus mehr gibt als nur generative LLMs.